Paulusreliquiar
Ein kleiner Kopf mit großer Strahlkraft – Die Paulusbüste als national wertvolles Kulturgut.
Das Büstenreliquiar ist die älteste erhaltene Reliquienbüste der christlichen Kunst. Seit fast 1.000 Jahren wird die Büste am Dom verwahrt. Vor ihr gab es bereits in anderen Kirchen Reliquienbüsten.
Diese sind heute jedoch nicht mehr erhalten. Ihr folgen weitere nach: das Johannesreliquiar in Cappenberg (ehem. Barbarossa-Kopf) oder die Karlsbüste in Aachen.
Die kostbare Gestaltung spricht dafür, dass sie von Anfang an für besonders wertvolle Reliquien geplant war. Solche kostbaren Reliquien des Apostels Paulus sind wahrscheinlich durch Könige oder Kaiser nach Münster gekommen. Damit steht die Büste auch für die Verbindungen zwischen kirchlichen und weltlichen Lebensbereichen.
Die Büste lässt sich keiner bekannten Werkstatt zuordnen. Vom Stil verweist sie jedoch nach Nordwestdeutschland. Die Gestaltung der Brust wurde zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet. Auch die enthaltene(n) Reliquie(n) wurde(n) – so die Überlieferung - verändert. Die Büste bildet durch ihre äußere Gestaltung (Kopf/Büste) den Körperteil ab, von dem eine Reliquie (Schädelkalotte/Zahn) enthalten ist. Das macht sie zu einem sogenannten sprechenden oder redenden Reliquiar.
Durch Alter, Geschichte und Stil bleibt sie einmalig und belegt die innovative Rolle der christlichen Kunst.
Das Rätsel der Paulusreliquie(n)
Das Büstenreliquiar wurde zuletzt in den 1960er Jahren geöffnet. Damals wurden Schädelknochen des Paulus aufgefunden. Waren sie von Anfang an enthalten? Das Reliquienverzeichnis von 1622 ist die wichtigste Quelle für die Paulusreliquien. Es berichtet jedoch nichts von den Schädelknochen. Stattdessen verweist es auf eine heute verschwundene Inschrift an der Paulusbüste. Laut dieser sei einst ein Zahn des Paulus enthalten gewesen und später in eine Monstranz gelegt worden. Von Zahn und Monstranz fehlt heute jede Spur.
Die Inschrift bringt Bischof Gerhard (amt. 1261–1272) mit dem Zahn in Verbindung. Woher dieser die Zahnreliquie hatte, bleibt unklar. Zwei der anderen Paulus-Reliquiare im Domschatz verweisen stolz auf die Herkunft ihrer Reliquien aus dem Kaiserhaus. Weiter rätselhaft: Was war die 200 Jahre vor dem Zahn in der Büste? Vielleicht doch schon die Schädelknochen?