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Ogive («Où gît le vœux») von Alice Bidault

Alice Bidault, 2021, Hanf, Baumwollstoffe, Muscheln, Courtesy Galerie Pietro Spartà, Chagny, @Alice Bidault, 2026
Alice Bidault, 2021, Hanf, Baumwollstoffe, Muscheln, Courtesy Galerie Pietro Spartà, Chagny, @Alice Bidault, 2026

Ogive («Où gît le vœux») von Alice Bidault

In der Großvitrine hängen an der Rückwand vier violette Hanfseile, in die unterschiedliche Knoten geknüpft sind. Die Seile führen von der Decke des Obergeschosses bis zum Boden der Vitrine im Erdgeschoss. Mit einer Länge von 5,20 bis 8,50 Meter verbinden sie die beiden Museumsetagen und enden knapp über dem Boden bzw. liegen in zufälligen Schlaufen unten auf. Neben den Knoten sind farbige Stoffe und Muschelschalen eingefügt.

Die Arbeit Ogive («Où gît le vœux») der französischen Künstlerin Alice Bidault ist inspiriert von der im 7. Jahrhundert entwickelten Knotenschrift „Quipu“ der Inkakultur. Dabei handelt es sich um ein komplexes Informationssystem, das bis heute nur in Teilen entschlüsselt ist.

Ein traditionelles „Quipu“ besteht aus einer horizontalen Hauptschnur, an der mehrere Nebenschnüre („Quirps“) befestigt sind (Abb. 1). In diese Nebenschnüre werden verschiedene Knoten geknüpft, die von einfachen Einzel- und Doppelknoten über Achter- bis hin zu mehrfach geschlungen geknüpften Knoten reichen. Anzahl, Form, Farbe und Position stehen für Zahlenwerte die sich auf Waren, Bevölkerungszahlen etc. beziehen (Abb. 2). Ein Quipu fungierte so als tragbares und bewegliches Speichermedium.

Es gibt Hinweise, dass Farben und Feinheiten Bedeutung über reine Zahlenwerte hinaus haben. Dieses Geheimnis der Kommunikation ist noch nicht gelüftet. Genau damit spielt das Kunstwerk.

Zudem spielt die Aussprache des französischen Titels Ogive («Où gît le vœux») eine Rolle: Durch den ähnlichen Klang von „ogive“ und „où gît“ glaubt man, eine Doppelung zu hören.

„Ogive“ hat im Französischen zwei unterschiedliche Bedeutungen: in der Architektur bezeichnet es den gotischen „Spitzbogen“ (Abb. 3) und es gibt die militärische Bedeutung „Sprengkopf“. „Où gît“ lässt sich mit „wo liegt“ und „wo ruht“ verstehen – analog zur Grabinschrift „ci-gît“. „Les vœux“ steht für „die Wünsche“ oder religiös für „die Gelübde“.

Alice Bidault spielt mit Sprache, Aussprache und Bedeutungsebenen und eröffnet den Betrachtenden so eine Leerstelle für persönliche Reflexion. Gleichzeitig antwortet die stofflich-taktile und sinnliche Qualität des Werks auf Raum und Material in der Großvitrine des PAULUS.

Abb. 1: Quipu, um 1400, Museo Arqueológico Rafael Larco Herrera in Lima, Peru. Public Domain.
Abb. 1: Quipu, um 1400, Museo Arqueológico Rafael Larco Herrera in Lima, Peru. Public Domain.
Abb.2: Tafel XXI aus The Ancient Quipu, A Peruvian Knot Record (Leslie Leland Locke, 1912). Public Domain.
Abb.2: Tafel XXI aus The Ancient Quipu, A Peruvian Knot Record (Leslie Leland Locke, 1912). Public Domain.
Abb.3: Kreuzrippengewölbe, Kapitelsaal, 13. Jahrhundert, Abtei Bonne-Espérance, Vellereille-les-Brayeux, Belgien. Public Domain.
Abb.3: Kreuzrippengewölbe, Kapitelsaal, 13. Jahrhundert, Abtei Bonne-Espérance, Vellereille-les-Brayeux, Belgien. Public Domain.