Ich gehe, aber wohin?
Codex Vaticanus (Faksimile)
325–350 n. Chr.
Bibelmuseum der Universität Münster
Die Überlieferung der Weihnachtsgeschichte zeigt, wie auch kleinste Änderungen Sinn verschieben. Erst stand an der markierten Stelle ein Sigma (s), später wurde es herausgeschabt und eine liberalere Aussage
erreicht.
Aus „Friede auf Erden bei den Menschen seines
Wohlgefallens“ wird „Friede auf Erden den Menschen ein Wohlgefallen.“ Was wurde bei Texten von Paulus verändert?
Der als Faksimile ausgestellte Codex Vaticanus ist eine der ältesten und bedeutendsten griechischen Bibelhandschriften. Er überliefert sowohl das Alte als auch das Neue Testament nahezu vollständig.
Der Blick auf diese Quelle zeigt in Lukas 2,14 eindeutig eine Lücke zwischen dem griechischen Wort ευδοκία (eudokia) und dem anschließenden Hochzeichen. Das Sigma (s) wurde entfernt. In der so überarbeiteten Fassung der Weihnachtsgeschichte verheißt der Lobgesang der Engel allen Menschen Friede, nicht nur jenen, an denen Gott Wohlgefallen hat.
Vom Codex Vaticanus ausgehend, führen weitere Manuskripte diese Änderung fort. Erasmus von Rotterdam übernimmt die Änderung, wodurch sie auch in vielen Druckausgaben auftaucht. In die lateinische Version der Bibel (Vulgata) und in ihre katholischen Übersetzungen findet die Änderung keinen Einzug.
So kam es zu einem Unterschied in den Standardübersetzungen
der beiden Konfessionen. Heute beziehen sich sowohl katholische als auch protestantische Übersetzungen wieder auf den ursprünglichen
griechischen Text mit dem Sigma. Beide Konfessionen stimmen darin überein, dass in Lukas 2,14 nicht allen Menschen Frieden verheißen ist. Ausschlaggebend ist auch nicht unser guter Wille, sondern allein Gottes Wohlgefallen.