Ich gehe, aber wohin?
Seite 10 aus dem Skizzenbuch (Hildegard von Bingen)
Fabienne Verdier
2021–2022
Mischtechnik auf Papier
Courtesy Galerie Lelong, Paris, Inv.-Nr. W27264
Der Glaube an Christus, an Gott und seine Schöpfung prägt das Denken von Paulus.Im Kolosserbrief beschreibt er Christus als Ursprung und Ziel allen Seins. Der Glaube ist ein Geschenk der Gnade Christi. Die Schöpfung ist für ihn ein lebendiges Ganzes. Sie ist dazu bestimmt, in Gott ihr Ziel zu finden.
In ihrem Liber Divinorum Operum (ca. 1163–1174) verarbeitet Hildegard von Bingen den paulinischen Gedanken in einer Vision des Kosmos.
Sie beschreibt den Menschen als Mikrokosmos, der mit dem gesamten Universum verbunden ist. In Vorbereitung ihrer Rainbow-Paintings setzt sich Fabienne Verdier damit intensiv auseinander.
Durch Bewegung, Energie und Licht öffnet Verdiers Malerei den Blick auf eine Welt jenseits des Sichtbaren. Ihre Titel verweisen auf unterschiedliche Erdteile, Kulturen und Sprachen. Durch den Kosmos ist alles miteinander verbunden. Hier spiegelt sich Paulus' Vorstellung einer Welt, die auf Einheit und Vollendung ausgerichtet ist.
Wie lässt sich der Kosmos darstellen?
Hildegard von Bingen und Fabienne Verdier geben darauf sehr
unterschiedliche Antworten. Zwischen ihnen liegen fast neun Jahrhunderte. Sie verbindet dennoch die Suche nach einer Energie, die alles Lebendige umfasst.
In seinen Briefen beschreibt Paulus die Schöpfung als lebendiges Ganzes.
Im Römerbrief schreibt er, dass die ganze Schöpfung auf ihre Erneuerung wartet. Im Kolosserbrief ist Christus Ursprung und Ziel allen Seins.
Schöpfung ist kein abgeschlossenes Ereignis. Sie ist ein fortwährender Weg zur Vollendung. Von Bingen greift diese Vorstellung im 12. Jahrhundert auf. Ihre Visionen zeigen den Kosmos als von Gott durchdrungene
Ordnung.
Mensch und Natur sind untrennbar verbunden. Diese Sichtweise findet sich auch in Papst Franziskus' Enzyklika Laudato si' von 2015: Die Schöpfung bildet ein gemeinsames Haus, dessen Bewahrung in der Verantwortung aller Menschen liegt.
Verdier nähert sich derselben Frage aus heutiger Perspektive. Ihre Malerei macht universelle Kräfte sichtbar, welche die Welt formen. So treten mittelalterliche Theologie und zeitgenössische Kunst in einen Dialog über die Einheit und Verbundenheit allen Lebens.